Fünfjähriges Jubiläum der Evangelischen Stadtakademie Aachen

Martin Schulz wirbt in Aachen für die Erneuerung der europäischen Bewegung – Bürger müssen sich neu stark machen für Europa
Wenn einem Publikum schier der Atem stockt, dann muss auf der Bühne schon etwas Gewaltiges geschehen. Außergewöhnlich, dass ein Politiker solche Reaktionen provoziert –eine Stille, die den ganzen Saal umfasst, höchste Aufmerksamkeit, Anspannung, Erstaunen. Martin Schulz gelang dieses Kunststück am 17. Februar 2011 in der Europastadt Aachen – gleich mehrfach.
Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament legte im Haus der Evangelischen Kirche eine schonungslose Analyse der derzeitigen Situation vor. Europa sei in einem schlechten Zustand, drohe in alte Muster zurückzufallen, in die Kleinstaaterei, in überwunden geglaubte Feindbilder. Nationale Egoismen verdrängten den Glauben an die Kraft der Gemeinschaft.
Schulz warnte in Aachen eindringlich vor dieser Entwicklung. Europa drohe durch Selbstzerlegung in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, beraube sich des Einflusses außerhalb seiner Grenzen. Und es riskiere die Errungenschaft einer friedlichen Integration der Völker im europäischen Raum. Die zentrale Leistung der Union sei die Versöhnung über die Gräber zweier Weltkriege hinweg.
Auch andere Entwicklungen bereiten dem Sozialdemokraten große Sorgen, und damit hat er nicht nur die Finanz- und Wirtschaftskrise im Blick. Vielmehr beobachtet er eine zunehmende Aushöhlung der Demokratie, etwa mit der Ballung von wirtschaftlicher, medialer und politischer Macht in Italien oder dem neuen Mediengesetz in Ungarn, das einer Zensur nahekomme.
Schulz plädierte in Aachen leidenschaftlich dafür, die Gründungsidee der Europäischen Union wachzuhalten und zu neuer Kraft zu verhelfen. Durch Integration den Frieden und Wohlstand in Europa zu fördern, bleibe ein Ziel, für das er überall werbe - zumal Europa nur so die Chance hätte, weltweit wirksam und glaubwürdig für Demokratie und Menschenrechte einzutreten.
Für diese Erneuerung der europäischen Bewegung brauche es viele Partner, welche das Anliegen teilen und tragen. Die Bürger müssten neu gewonnen werden und sich neu stark machen für Europa. Als einen solchen Partner betrachtet Schulz auch die Evangelische Stadtakademie Aachen (ESA), zu deren Fünfjährigen er sprach. Sie setzt Impulse und fördert den Dialog über Europa.
10.000 Teilnehmer in fünf Jahren
150 Gäste aus Politik, Kirche und Gesellschaft feierten am 17. Februar das Jubiläum der jungen Einrichtung. Mehr als 10.000 Teilnehmer zählte sie bereits in ihren ersten fünf Jahren. Eine lebendige Landschaft von Kooperationen ermöglicht der ESA ein vielseitiges und attraktives Angebot.
Hochkarätige Vorträge und spannende Workshops würzen diese Angebotsvielfalt ebenso wie die beliebten Filmreihen in Kooperation mit örtlichen Trägern und Kinos. Als Einrichtung der christlichen Sozialethik verpflichtet, vernetzt sich die Stadtakademie mit Menschen, Gruppen, Institutionen.
Träger der ESA sind der Evangelische Kirchenkreis Aachen und die Evangelische Kirchengemeinde Aachen. Schwerpunkt ihrer Angebote ist der Raum Aachen. Zudem unterhält die Akademie eine Außenstelle in Kall, um auch in der Nordeifel ortsnah ihrem Auftrag nachzukommen.
Beim Festakt am 17. Februar würdigte Superintendent Hans-Peter Bruckhoff die Leistung der ESA, seit Anbeginn eine kritische Auseinandersetzung mit Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern. Wie wichtig eine solche ständige Vergewisserung sei, habe nicht zuletzt die Krise gezeigt, betonte der Aachener Bürgermeister Björn Jansen.
Dies geschehe bei der ESA kompetent, engagiert, anspruchsvoll, innovativ, aktuell und kooperationsfreudig, ergänzte Dr. Karl Allgaier, Direktor der Bischöflichen Akademie Aachen. Für das sechsköpfige Leitungsteam der ESA versicherte Jürgen Groneberg, dass man den so beschriebenen eingeschlagenen Weg weiter gehen werde.
Facetten der Freiheit
Das fünfjährige Bestehen der ESA war im Vorfeld des Jubiläums Anlass, aus der Vielfalt ihrer bisherigen Veranstaltungen ein Buch zu gestalten. Entstanden ist ein Sammelband, der in seinen 13 Beiträgen den Leitgedanken der Evangelischen Stadtakademie repräsentiert. Es geht, wie der Titel besagt, um die „Facetten der Freiheit“, politisch, geistig, wirtschaftlich, ökologisch.
Auf 264 Seiten finden sich die Gedanken renommierter Autoren. Zum Kreis gehören der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, ebenso wie der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Butterwegge und Dr. Wolfgang Kessler, Chefredakteur von „Publik Forum“.
Herausgeber Uwe Beyer skizzierte beim Festakt zum Fünfjährigen das Selbstverständnis von ESA. Mit professioneller Distanz zum Thema setze die Akademie auf Reflexion statt Reflexe, fördere die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zur akademischen Freiheit. Mit so gestärkter Urteilskraft lasse sich die Zukunft der Gesellschaft als Gestaltungsraum erschließen.
„Facetten der Freiheit. Evangelischer und säkularer Freiheitsbegriff in der Spannung gesellschaftlicher Wirklichkeit“, herausgegeben von Dr. phil Uwe Beyer, ist im Mainz-Verlag Aachen erschienen und druckfrisch im Buchhandel erhältlich (ISBN-10:3-8107-0110-6).









